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Grenzstreitigkeiten in Biedenkopf: Als die Biedenköpfer um ihren Wald kämpften

Grenzstein auf dem 3.Frühstücksplatz

Kampf um jeden Baum: Die historischen Grenzirrungen der Stadt Biedenkopf

Wer heute beim Biedenköpfer Grenzgang fröhlich und unbeschwert über Stock und Stein wandert, macht sich oft nicht bewusst, wie erbittert früher genau an diesen Grenzen gekämpft wurde. In einer Zeit, als es noch keine exakt vermessenen Landkarten oder lückenlosen Grundbücher gab, waren handfeste Grenzstreitigkeiten – damals „Grenzirrungen“ oder „Mißverstände“ genannt – an der Tagesordnung.

Der Wald als überlebenswichtige Schatzkammer

Für die Bürger der Stadt war der Wald nicht einfach nur ein Ort der Erholung, sondern die pure Lebensgrundlage. Er lieferte dringend benötigtes Bau- und Brennholz, wertvolle Holzkohle für die Eisengewinnung und diente als Weidefläche sowie zur lebenswichtigen Eichelmast für die Schweine. Entsprechend wertvoll war jeder Quadratmeter Land.

Doch die Grenzen bestanden in den frühen Jahrhunderten oft nur aus unscharfen natürlichen Merkmalen: auffällige Felsen, Bäche, Waldschneisen oder markante Bäume, in die man grobe Kreuze einschlug. Diese Ungenauigkeit lud raublustige Nachbarn geradezu ein, die Gemarkung Stück für Stück zu ihren Gunsten zu verschieben. Die historischen Akten aus dem Marburger Staatsarchiv sind voll von detaillierten Konflikten mit den Anrainergemeinden. Hier ist die Chronik der bemerkenswertesten Auseinandersetzungen:

1. Eckelshausen: Der Betrug mit den falschen Kreuzen (1653)

Besonders dreist und fast schon kriminell gingen die Nachbarn aus Eckelshausen im Jahr 1653 vor. Sie drangen heimlich in den Biedenköpfer Wald ein und schlugen kurzerhand neue Markierungskreuze in die Bäume. Ihr Ziel: Sie wollten sich wertvolle Gebiete, den sogenannten „Schwanert“ und den „Pfaffengrund“, einfach einverleiben. Doch der Schwindel flog auf. Nach einer Untersuchung durch den Oberforstmeister mussten die Eckelshäuser unter amtlicher Aufsicht die unrechtmäßigen Kreuze wieder aus den Bäumen herausschlagen. Erst durch einen neuen Grenzvertrag im Oktober 1653 und weitere Steine im Jahr 1682 kehrte hier Ruhe ein.

2. Dexbach und Engelbach: Ein Grenzstein am Galgen (1536 – 1833)

Kein Konflikt war so langwierig, emotional und erbittert wie der Dauerstreit mit den Gemeinden Dexbach und Engelbach. Bereits 1536 musste das Hofgericht eingreifen, nachdem es „lange Zeit“ Zwietracht um das Gebiet am Pferdsbach gab. Die Streitigkeiten entflammten fast im Rhythmus weniger Jahre neu: Vermerkt sind amtliche Schlichtungen für die Jahre 1536, 1552, 1553, 1555, 1556, 1566, 1625, 1680, 1684, 1685, 1687, 1688 und 1733.

Wie verhasst den Dorfbewohnern die Biedenköpfer Ansprüche waren, zeigte sich in einem wahren Skandal im Jahr 1733: Verärgerte Dexbacher rissen zwei frisch gesetzte Biedenköpfer Grenzsteine wieder aus dem Boden. Doch damit nicht genug: Einen der mächtigen Steine hängten sie symbolisch an einen „Schnappgalgen“, den sie extra dafür an der Straße errichtet hatten! Den zweiten Stein vierteilten sie und hängten die Trümmer ebenfalls an ein galgenähnliches Gerüst. Bis 1833 kam es in diesem Bereich immer wieder zu Unstimmigkeiten.

3. Dautphe: Die bittere Niederlage der Biedenköpfer (1652)

Nicht immer gewann die Stadt Biedenkopf. Im Oktober 1652 verlor man einen Grenzstreit gegen Dautphe. Der Grund: Die Biedenköpfer behaupteten zwar, die Grenze verliefe an einem bestimmten Ort, konnten den in ihren alten Urkunden vermerkten „Ulckenstein“ aber vor Ort schlichtweg nicht vorweisen. Die Dautpher hingegen zeigten einen „Breidenstein“ mit eingeritzten Kreuzen und bekamen Recht. Biedenkopf musste zur Strafe sogar die eigens geschlagenen falschen Waldschneisen wieder zupflanzen. Abgesehen von einem kleinen Vorfall beim Grenzgang 1693 blieb Dautphe danach jedoch ein friedlicher Nachbar.

4. Eifa: Der Kuhhandel um Tränke und Hude (1656)

Zwischen Biedenkopf und Eifa krachte es in der Mitte des 17. Jahrhunderts gewaltig. Es ging um begehrte Rechte für „Trifft, Tränke und Hude“ (Weide- und Wasserrechte) zwischen dem Helffenstein und dem Kritzelberg. Auch hier waren heimlich neue Zeichen in Bäume gehauen worden. Im März 1656 einigte man sich schließlich auf einen pragmatischen Kompromiss: Eifa durfte die Biedenköpfer Flächen für seine Schafe und Rinder nutzen, musste dafür aber als Anerkennung der städtischen Rechte jährlich an Martini einen halben Gulden zahlen. Dieser Vertrag wurde 1682 nochmals bestätigt.

5. Hatzfeld: Der abgelehnte Deal (1548)

Schon im November 1548 versuchte der Statthalter an der Lahn, Jorgen von Kolmetsch, einen hitzigen Konflikt um den „Lenzgens Wald“ zwischen Biedenkopf und Hatzfeld zu schlichten. Sein Vorschlag: Der strittige Bereich sollte abgemessen werden, Hatzfeld bekäme zwei Drittel der Breite, Biedenkopf ein Drittel. Doch die Stadt Biedenkopf lehnte diesen Deal rigoros ab! Daraufhin musste eine neue Kommission gebildet werden, um weitere Zeugen zu vernehmen.

6. Wolzhausen und Hof Roßbach: Weiderechte und Revisionen

Mit Wolzhausen stritt man sich bereits 1525 über Holz- und Weiderechte (die „Holzens- und Hutensgerechtigkeit“). Damals legten Amtmann Hermann Rumphen und Rentmeister Gumpell genau fest, wer wo sein Vieh hüten durfte. Da die Streitigkeiten jedoch nicht abrissen, wurden 1682 auch hier amtliche Grenzsteine vom „Franken Köppel“ bis zum „Schwartzenbergk“ gesetzt. Ähnlich erging es dem benachbarten Hof Roßbach der Herren von Breidenstein: Um künftigen Streit zu vermeiden, wurde die Grenze 1613 revidiert und 1682 dauerhaft versteint.

Die friedlichen Nachbarn

Bemerkenswert ist, dass die Akten über bestimmte Nachbarn absolut schweigen. Mit den Dörfern Wallau und Weifenbach sowie Katzenbach und Breidenbach gab es laut den überlieferten Quellen offenbar nie ernsthafte Grenzkonflikte. Mit der Stadt Breidenstein gab es ohnehin keine Reibereien, da man bis zur Eingemeindung des Hofes Roßbach im Jahr 1913 schlichtweg keine gemeinsame Grenze besaß.

Ein Machtwort und stumme Zeugen beenden den Streit

Um dem ständigen Ärger ein Ende zu bereiten, griff die Obrigkeit schließlich durch. Im Jahr 1682 erließ Landgräfin Elisabeth Dorothea die folgenschwere Anweisung, dass die Gemarkungsgrenzen zur Abschreckung regelmäßig alle drei bis vier Jahre unter amtlicher Aufsicht begangen werden müssen. Dies war die offizielle Geburtsstunde des Biedenköpfer Grenzgangs!

Um die Linien ein für alle Mal zu fixieren, fand in den Jahren 1777 und 1780 eine massive „Absteinung“ statt. Es wurden 275 mächtige Grenzsteine aus Sandstein gesetzt. Doch man traute dem Frieden immer noch nicht ganz: Unter die Steine legte man „stumme Zeugen“ – Eisenschlacken aus der Ludwigshütte. Wer künftig einen Stein böswillig versetzen wollte, verriet sich unweigerlich, da er die tiefer vergrabene Schlacke unmöglich unbemerkt an den neuen Ort mitnehmen konnte.

Die endgültige rechtliche Sicherheit brachte schließlich die Vermessung durch die Katasterbehörde im Jahr 1824. Die Zeiten des harten Grenzkampfes waren vorbei – und ab 1839 wandelte sich der anstrengende Grenzdienst der Biedenköpfer zu jenem prächtigen, fröhlichen Heimatfest, das heute zehntausende Besucher in seinen Bann zieht.


Quellenangaben:
  • Bäumner, Günter (1986): Grenzgang in Biedenkopf - Ursprung, Entwicklung und Ablauf des historischen Heimatfestes. Verlag Max Stephani, Biedenkopf.

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