Grenzgang Biedenkopf Ablauf – „Sell da Grenzgaank 'naus gieh?“
Wie läuft der Grenzgang in Biedenkopf ab? Der Grenzgang Biedenkopf Ablauf folgt einer jahrhundertealten Tradition und beginnt lange vor den eigentlichen Festtagen im August.
Alle sieben Jahre verwandelt sich das beschauliche Städtchen Biedenkopf im hessischen Hinterland in einen Ort des Ausnahmezustands. Das historische Grenzgangsfest, dessen Wurzeln bis in die Jahre 1682 und 1693 zurückreichen, zieht dann Zehntausende in seinen Bann. Doch bevor im August die Wälder beben, beginnt alles viel früher und im Verborgenen.
Der Startschuss fällt bereits im November des Vorjahres. Der Vorstand des Grenzgangsvereins, das sogenannte Komitee, beruft eine Mitgliederversammlung ein. Dort stellt der Vorsitzende die alles entscheidende, traditionelle Frage in Biedenköpfer Platt: „Sell da Grenzgaank 'naus gieh?“ (Soll der Grenzgang hinausgehen?). Noch nie in der Geschichte gab es darauf eine ablehnende Antwort. Mit diesem einhelligen Beschluss der Bürgerschaft beginnt hinter den Kulissen die gewaltige Maschinerie der Vorbereitung zu laufen.
Tradition trifft Satzung: Fest verankert seit 2011
Früher war die Frage „Sell da Grenzgaank 'naus gieh?“ eine echte Abstimmung: Laut der alten Satzung (§ 10) musste die Hauptversammlung alle sechs Jahre explizit beschließen, ob gefeiert wird. Seit der neuen Satzung von 2011 (§ 12) ist das Fest als unumstößliche Tatsache verankert: „Das Grenzgangsfest findet turnusgemäß alle 7 Jahre statt.“ Die Frage im November ist heute also kein rechtlicher Zitterpartie mehr, sondern das feierliche, traditionelle Startsignal für eine Bürgerschaft, die ihren Grenzgang als unverrückbares Erbe ansieht.
Der Aufruf im April: Die Bürgerschaft formiert sich
Sichtbar für die Allgemeinheit wird das Festfieber erst um die Osterzeit im April des Grenzgangsjahres. Ein öffentlicher Aufruf in der Zeitung fordert die Biedenköpfer auf, sich in ihren Gesellschaften zusammenzufinden. Es ist die Geburtsstunde der Fest-Formationen: Die verheirateten Männer organisieren sich traditionell nach Straßenzügen oder Wohngebieten in den elf „Männergesellschaften“. Die unverheirateten jungen (und teils auch älteren) Männer sammeln sich in den „Burschenschaften“, die oft aus der Verbundenheit zu bestimmten Stammlokalen oder Nachbarschaften entstanden sind.
In den ersten Versammlungen geht es hoch her, denn nun müssen die Vorstände (Führer), die Fahnenträger und die Kassenwarte (Rechner) gewählt werden. Wer sich in diesen Versammlungen nicht an die alten Regeln hält, spürt sofort die humorvolle Strenge des Festbrauchtums: Jegliche Titel oder förmliche Anreden sind verboten. Jeder ist schlicht „Bürger“ oder „Bursche“. Wer aus Versehen einen Nachbarn mit „Herr Dokter“ oder beim reinen Vornamen anspricht, wird vom Versammlungsleiter unweigerlich zu einer Geldstrafe in die Gesellschaftskasse verdonnert – meist berechnet in Litern Bier. Diese flüssigen Bußgelder bilden den Grundstock für das spätere „Freibier“ im Wald, das an den Festtagen die sozialen Schranken aufhebt und für echte Gleichheit sorgt.
Bald darauf formieren sich auch die höchsten Repräsentanten: Der Bürgeroberst und der Burschenoberst, die hoch zu Ross ihre Abteilungen anführen werden, sowie die beiden urigen Symbolfiguren des Festes – die peitschenknallenden Wettläufer und der schwarze Mohr mit seinem blitzenden Säbel. Letzterer lässt sich schon Monate vorher einen dichten, echten Bart wachsen. Auch die Frauen und Mädchen gründen ihre Versammlungen. Sie besticken in mühevoller Handarbeit prachtvolle Fahnenschleifen, um die teils über 100 Jahre alten Gesellschaftsfahnen neu zu schmücken.
Der Wald zieht in die Stadt ein
Wenn der August näherrückt, packt Biedenkopf das endgültige Grenzgangsfieber. In der Woche vor dem Fest, montags und dienstags, schwärmen die Männer aus, um Fichtenzweige und Birken aus dem Wald zu holen. In Höfen und Garagen binden die Frauen unzählige Meter an Girlanden. Am Mittwochabend, wenn die Straßen festlich überspannt sind und jedes Haus beflaggt ist, beginnt mit Platzkonzerten und dem fröhlichen Kommersabend vor den Lokalen die inoffizielle Vorfeier.
Böllerschüsse und Peitschenknall: Die Festtage brechen an
Am Donnerstagmorgen um Punkt 6 Uhr durchschneiden drei gewaltige Böllerschüsse vom Schlossberg die Stille. Der Grenzgang hat begonnen! Die Spielmannszüge marschieren durch die Straßen, die Wettläufer jagen unter lautem Peitschenknallen um die Ecken und der Mohr huscht über den Marktplatz, um den Kindern Brezeln zu schenken und den Mädchen frech die Wangen zu schwärzen.
Gegen 6:30 Uhr strömen alle Gesellschaften mit ihren wehenden Fahnen auf den Marktplatz. Ein farbenprächtiges, streng militärisch anmutendes, aber zutiefst heiteres Ritual nimmt seinen Lauf: Nach der exakten Aufstellung aller Gruppen meldet der Hauptmann dem hoch zu Ross sitzenden Obersten mit gezogenem Säbel die Einsatzbereitschaft. Es folgt ein donnerndes „Guten Morgen, Bürger!“, das tausendstimmig erwidert wird. Nach dem Gedenken an die Verstorbenen und der Rede des Bürgermeisters erschallt das Kommando: „Grenzgang Marsch!“.
Angeführt von den Sappeuren, die mit Äxten symbolisch den Weg freischlagen, dem Magistrat, der alten Stadtfahne und dem säbelschwingenden, tänzelnden Mohren, wälzt sich der nicht enden wollende Zug zur Stadtgrenze an der Ludwigshütte hinauf in die tiefen Wälder.
Das Spektakel auf dem Frühstücksplatz
Über Stock und Stein, durch steile Schneisen, zieht die Bürgerschaft zum ersten Frühstücksplatz auf der „Sackpfeife“. Was sich dort abspielt, ist Volksfeststimmung in ihrer reinsten Form. Rund um die massiven Grenzsteine entfaltet sich ein unglaubliches Treiben bei Musik, heißer Wurst und kühlem Bier.
Hier vollführen Mohr und Wettläufer das gefürchtete und doch geliebte „Huppchen“: Unter lautem Trommelwirbel werden honorige Gäste oder neu Zugezogene gepackt und mit dem Gesäß dreimal behutsam auf den historischen Grenzstein, aus dem Jahr 1777 gestoßen. „Der Stein – die Grenze in Ewigkeit!“, ruft der Mohr dazu. Es ist eine "rabiate", aber zutiefst ehrenvolle alte Methode, um sich den Grenzverlauf für immer einzuprägen. Gleichzeitig fliegen in den Lagern der Gesellschaften Ehrengäste hoch in die Luft, um unter Jubel feierlich „unter die Fahne genommen“ zu werden. Nach dem Huppchen gibt man dem Mohr eine kleine Spende. Dieser Brauch ist aber rein freiwilliger Natur.
Die Gesellschaften aus Bürger, Bürgerinnen, Burschen und Mädchen nehmen die Gäste "unter die Fahne" dies bedeutet, dass man für diesen Tag zum Kreis der Gesellschaft gehört und sich mit einer Geldspende zum Genuß des Freibieres auf dem Frühstücksplatz "einkaufen" kann. Diese Geldspenden finanzieren den Gesellschaften die Kosten für die Getränke, Vorbereitungen und die nächsten sieben Jahre Brauchtumspflege, die leider auch immer eine Frage der Kosten ist.
Auch hier wird das "unter die Fahne nehmen" als "Huppchen" bezeichnet und ist ein großer Gaudi für alle Gäste und Einheimische. Hier funktioniert es aber etwas anders als mit Mohr und Wettläufer. Einer der Füher steht auf einem erhöhten Podest - oft ein leeres Bierfass. Dahinter, oder auch davor - das kann man handhaben, wie man möchte - steht der Fahnenträger mit der Fahne bereit. Der unter die Fahne genommene Gast, wird von 5-7 Personen liegend gehalten, der Führer (Ersatzweise auch ein Reiter) für die Gesellschaft begrüßt den Bürger mit seinem Namen und ruft in etwa "Wir Bergüßen unter der Fahne der Gesellschaft XXX den Bürger(die Bürgerin) NAME und er/sie soll leben 3 mal hoch.... hoch.... hoch...". Während der drei "Hoch"-Rufe werfen die Helfer, die es zuvor mehrmals geübt haben, den Gast auch drei mal hoch in die Luft und fangen ihn wieder auf, während der Fahnenträger die große Fahne dabei schwenkt. Danach gibt man eine Spende und bekommt auch eine Erinnerung und zeitgleich auch die Erkennungsmarke dafür, dass man vom Freibier genießen darf. Sollte einer überhaupt keine Geldmittel zur Verfügung haben - auf dem Grenzgang gibt es keine soziale Ausgrenzung. Man wird auch so nicht leer ausgehen und darf genauso mit feiern und mit singen.
Drei Tage Rausch und Heimatliebe
Gegen Mittag heißt es Abschied nehmen vom Wald. Der Zug marschiert zurück nach Biedenkopf, wo sich die Massen rasch umziehen, um ab 16 Uhr auf dem großen Festplatz „Obere Bleiche“ bei Tanz, Karussells und kühlen Getränken weiterzufeiern.
An den nächsten beiden Tagen wiederholt sich das Ritual auf anderen Abschnitten der weitläufigen Stadtgrenze. Am Freitag geht es zur „Hasenhardt“, und am Samstag schließlich ergießt sich der größte Festzug – oft mit unglaublichen 15.000 bis 20.000 Teilnehmern und Gästen aus aller Welt – über die Lahn auf den Frühstücksplatz „Am gespaltenen Stein“.
Wenn am Samstagabend schließlich ein gigantisches Feuerwerk vom Schlossberg aus den Nachthimmel erhellt, geht eines der außergewöhnlichsten Feste Deutschlands zu Ende. Es ist ein Fest, bei dem Herkunft, Beruf und Status völlig bedeutungslos werden – eine dreitägige Ausnahmesituation, die tiefe Heimatverbundenheit, ehrliche Tradition und pure Lebensfreude feiert. Und wer einmal dabei war, den packt unweigerlich das Fieber, das erst nach sieben langen Jahren wieder gestillt wird.
Quellenangaben:
- Günter Bäumner: Grenzgang in Biedenkopf - Ursprung, Entwicklung und Ablauf des historischen Heimatfestes (1986).
- Wilhelm Mauß: Der Grenzgang zu Biedenkopf. Ein altes historisches Volksfest (1907).
- Grenzgangsverein Biedenkopf e.V.: Geschichte des Grenzgangs (Website).
- Geschichte des Grenzgangs in Biedenkopf (Website/Artikel).
Ähnliche Artikel


